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Linux auf dem Desktop


Ich nutzte ca. 17 Jahre lang Linux auf dem Desktop und war nie richtig zufrieden. Ich machte immer Abstriche. Privat störte das nicht so sehr; ich habe unter Linux so gut wie gar nicht gezockt und meine Aktivitäten auf andere Dinge beschränkt. Auch beruflich nutzte ich sehr lange Linux auf dem Desktop; das war selbstverständlich. Wie sich herausstellte musste ich mich beruflich aber noch viel intensiver einschränken. Das ging so weit, dass ich bestimmte Dinge einfach nicht tun konnte. Aus Sicht meines Arbeitgebers ist sowas natürlich extrem unbefriedigend. Und auch aus meiner persönlichen Sicht hat mich das nur genervt.

Ich bin ja so jemand, der so idealistische Dinge wie Linux aus Prinzip nutzt, aber es hat eben alles seine Grenzen. Privat spiele ich ab und zu gerne mal irgendwelche Spiele und beruflich muss ich tatsächlich auch mal mit Excel oder Word arbeiten. Das klingt trivial und viele Linux User würden mir jetzt sagen, dass man das auch unter Linux machen kann. Das ist pauschal so aber nicht richtig. Ich arbeite im eHealth Sektor und bekomme Office-Dateien von Krankenkassen. Ich kann die zwar meist auch unter Linux öffnen, aber fast immer sieht man sofort auf den ersten Blick, dass etwas mit der Darstellung nicht stimmt. Sofern man dennoch alles lesen kann, ist noch alles gut, aber problematisch wird es, wenn man Änderungen an dieser Datei vornehmen soll. Das kann man mit Libreoffice technisch zwar machen, aber es ist fast garantiert, dass man an der Datei irgendetwas grundlegend verändert, ohne es gewollt zu haben. Ich habe schon mal eine sehr bunte Excel-Datei mit Libreoffice editiert und dann gespeichert. Für mich sah optisch alles gut aus, aber bei der Krankenkasse wurden die Farben alle verändert. Wie sich herausstellte wurden die schon bei mir falsch dargestellt, aber ich wusste es ja nicht. Ich hatte ja keine Ahnung, wie das original aussah. Und da auch innerhalb der Firma Excel und Word Dateien getauscht werden, habe ich auch da Probleme gehabt.

Und ich oute mich ungerne, aber ich finde Outlook sehr gut. Für mich ist Email ein sehr wichtiges Kommunikationsmittel (weil verzögert) und ich finde Outlook tatsächlich am besten. Und mit Windows 10 finde ich auch den Desktop wieder gut. Das, was mir unter Linux immer falsch vorkam, wird unter Windows 10 richtig umgesetzt. Und ich oute mich erneut: der Explorer ist imho ein sehr guter Dateiexplorer. Klar, Shell und so, aber manchmal ist es eben doch extrem hilfreich, wenn man alle Metadaten im Blick hat. Und gerade, wenn man Ordner "refaktoriert", ist ein Dateiexplorer doch sehr hilfreich.

Und etwas, was kein User unter Linux zugibt, weil er es vermutlich eh nicht mehr merkt: der Desktop ist langsam. Ich habe hier ein sehr potentes System. Im Grunde hatte ich immer gut gerüstete Systeme und eine Sache, die ich unter Linux schon von Anfang an extrem bemängelt hatte war die grafische Oberfläche. Und ich meine jetzt nicht direkt KDE oder Gnome, sondern Xfree86 und seit vielen Jahren Xorg. Wie gesagt; ich nutze Linux seit ca. 17 Jahren auf dem Desktop und im Vergleich zu Windows fühlte sich die grafische Leistung immer langsamer an. So simple Sachen wie Tearing, wenn man Fenster verschiebt. Das sieht ein Linux User nicht, weil er sich daran gewöhnt hat. Das ist auch so; man merkt das irgendwann nicht mehr. Man gewöhnt sich an die langsamere Grafikperformance. Wenn man die Problematik anspricht, soll man doch bitte die richtigen Treiber installieren. Es ist alles Quatsch. Die hat man natürlich installiert. Ohne die "richtigen" Treiber ist die Performance nämlich katastrophal und unbenutzbar. Vergleiche ich den Linux Desktop mit dem Windows 10 Desktop auf der gleichen Hardware, so fühlen sich Fenster unter Windows 10 leicht an, unter Linux eher schwer. Das ist schwierig in Worte zu fassen. Das ist vielleicht vergleichbar mit Gamern, die den Unterschied zwischen 60 und 120FPS bemerken. Man merkt das einfach. Und im Falle von Linux sehe ich ganz deutlich, dass die Fenster grafisch laggen. Es ist auch kein Geheimnis, dass die Grafiktreiber, selbst, wenn sie direkt vom Hersteller kommen, im Vergleich zur Windows Variante bezüglich Performance schlechter sind. Das ist nicht mal ein offenes Geheimnis, sondern ist faktisch offen dokumentiert. Und dann gibt es noch spezifische Performance Probleme bei den Desktopumgebungen wie KDE und Gnome. Man findet immer wieder Probleme diesbezüglich, wobei man unter Linux ja ganz gut ausweichen kann. Letztendlich will man mit Wayland alles auf den Kopf stellen, aber da ist die Situation sogar noch schlechter. Bei Wayland will man alles sicherer machen, denn im Grunde ist Xorg sehr unsicher, da jedes grafische Programm alles mitschneiden kann, ohne dich darüber zu informieren. Ja, sogar alle deine Tasteneingaben. Das will man mit Wayland fixen, und hat es auch getan, aber hat nun andere Probleme...sorry, aber ich habe 17 Jahre lang gewartet.

Manch andere beschweren sich noch darüber, dass es verschiedene GUI Toolkits wie Qt, GTK, Tk usw...gibt...auf diesen Zug bin ich nie aufgesprungen. Mir war die Optik meist egal. Mir war die Funktionalität wichtiger als die Optik. Klar ist es doof, dass ohne etwas Aufwand Qt und GTK Programme anders aussehen, aber wie gesagt; das war mir meist egal.

Und was mich letztendlich wieder zu Windows auf dem Desktop getrieben hat war WSL. WSL, das ist dieses Windows Subsystem für Linux. Simpel gesprochen kann ich damit meine gewohnte Linuxumgebung nutzen, ohne Linux zu booten oder gar zu virtualisieren. Das ist einfach Teil von Windows und es funktioniert wunderbar. Man muss es zwar immer noch extra in den Software Features aktivieren, aber es ist eben immer noch Beta. Kein Ding also.

Ich verstehe auch, dass es kacke ist, dass man bei der Windows 10 Installation erst mal gefühlt 20 Checkbox Häkchen deselektieren muss, um zu verhindern, dass die selbst gemachten Nacktfotos auf der Festplatte bei Bing auftauchen. Und mir ist bewusst, dass die meisten User an der Stelle vermutlich einfach "weiter, weiter, weiter,..." klicken, und ich finde das echt beschissen von Microsoft. Ich finde es auch beschissen, dass man nachträglich Tools installieren muss, um ein Windows zu haben, was eben nicht nach Hause telefoniert und selbst dann kann man es nicht ausschließen. Das ist natürlich scheiße; keine Frage. Aber ich ich gehe einen Kompromiss ein.

Und was ist jetzt traurig an der ganzen Sache? Dass ich nach so vielen Jahren wieder Windows auf dem Desktop nutze? Nein. Das Traurige an der Sache ist, dass ich diesen Text so in der Art schon vor 17 Jahren geschrieben hatte. Und leider hat er unverändert Gültigkeit. Verrückt oder? Linux hat auf dem Desktop eine Verbreitung von um die 2%. Und das ist verrückt, wenn man betrachtet, dass Linux out of the box eigentlich die bessere Hardwareunterstützung hat (im Vergleich zu Windows). Aber es ist eben der Grafikstack, der nicht optimal ist und vermutlich gibt es weitere Gründe, wieso Linux auf dem Desktop keine Verbreitung hat. Das ist mir aber total egal. Linux auf dem Desktop habe ich für mich persönlich abgeschlossen. Linux auf dem Server aber nicht. Ich finde den Workflow weiterhin sehr gut und nein, ich finde ihn am besten. Deswegen steh ich ja auch auf WSL. Ich habe nicht das Gefühl etwas zu vermissen. Ohne WSL hätte ich das Gefühl vermutlich.

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